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10.06.2019
Die drei Leben der Antigone

Nach dem gleichnamigen Stück von Slavoj Žižek

 

Deutschsprachige Erstaufführung des Stückes und Premiere der Inszenierung von Felix Ensslin am 16.Januar 2020 im AGORA THEATER

 

Deutschlandpremiere im FFT Düsseldorf im Januar 2020

 

Im Januar 2018 hatte das AGORA Theater mit seinem in einer erstmaligen Zusammenarbeit mit dem Regisseur Felix Ensslin entstandenen Stück „Animal Farm - Theater im Menschenpark" am FFT Düsseldorf Deutschlandpremiere. Kontrovers diskutiert, hatte das Stück dennoch bei Publikum und Kritik Erfolg mit dem Versuch, gegenwärtige politische Themen mit der Frage nach aktuellen Mitteln und zeitgenössischer Formensprache des Theaters zu verbinden. Der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch schrieb in seiner Rezension über den Kontext der Gründung des AGORA Theaters durch Regisseur und Autor Marcel Cremer Anfang der 80er Jahre, dieses könne selbst „als eine jener egalitären Nachgeburten von 1968 gelten, die eine seinerzeit bereits verlorene Revolutionshoffnung in anderer Form fortzuführen suchten."

 

Das Mittel, diese Fragen für die Beschäftigung mit Orwells Animal Farm produktiv zu machen, konnte nur sein, sich die eigene Geschichte als Theater bewusst zu machen und sich dabei der Gefahr der Nabelschau bewusst zu bleiben. Wie kann ein egalitär orientiertes Theater nach der erfolgreichen Institutionalisierung eine lebendige Auseinandersetzung mit den Ideen seiner Gründerzeit aufrechterhalten?


Nach dem Tod von Marcel Cremer 2009 und der fast zeitgleich entstehenden Institutionalisierung durch das Engagement der öffentlichen Hand in Belgien hat das kollektiv und basisdemokratisch organisierte Ensemble seinen Charakter bewahrt.


Das mehrsprachig arbeitende AGORA Theater ist eine Institution der Grenz-Erfahrung. Kulturell verhandelt es permanent die Verbindungen und Differenzen zwischen der deutschen, der französischen und flämischen Kultur; zwischen Identität und Pluralität; zwischen Inland und Ausland, zwischen Land und Stadt, und auch zwischen Kinder-und Jugendtheater einerseits und „Abendprogramm" andererseits. Seine Stücke sind als gegenwartsorientierte und auf die Individuen auf wie vor der Bühne bezogene Praxis besonders geeignet, die Frage nach dem Verhältnis von Darstellung und Zuschauen, von Repräsentation und Erzählung, von Bühne und Zuschauerraum, von Welt und Kunst mit Dringlichkeit und Überzeugung zu stellen.

„(...) Geschichte und Methode des Theaters (werden) buchstäblich ver- und gewendet. (..) Zu (den) Stärken (der Inszenierung) gehört darum nicht zuletzt, dass man zusehen kann, wie sich
die Spieler allmählich zu einer Art Chor zusammenfinden, während sie sich beziehungsweise ihr Theater selbst aufs Spiel setzen." (Sebastian Kirsch)

 

Die drei Leben der Antigone

 

Ein ähnlicher Eindruck führte den Philosophen und Autor Slavoj Žižek dazu, an das AGORA die Frage zu stellen, ob sie in Fortführung dieser ästhetischen und politischen Untersuchung seinen Text Die drei Leben der Antigone unter der Regie von Felix Ensslin, mit dem ihn eine langjährige Zusammenarbeit verbindet, zur Aufführung bringen wollen. Da beide Institutionen bereits mit Überlegungen beschäftigt waren, wie FFT und AGORA die aktuelle Zusammenarbeit weiterführen könnten, haben sie in Absprache mit dem Autor dann die hier vorgestellte Kooperation beschlossen.

 

Kontingenz ist das Muttermal der Moderne: Was geschieht oder geschehen ist, könnte auch anders geschehen, hätte anders geschehen können. Folgerichtig konfrontiert Žižek die Dynamik der Tragödie mit der Kontingenz - ohne die Dimension des „Ungeheuren", die Sophokles der menschlichen Erfahrung zuschreibt, auszustreichen. Die Unveränderlichkeit des Schicksals - heute unsere Gebundenheit an Geschichte und Identität - wird konfrontiert mit der Möglichkeit, dass es eben auch anders ausgehen könnte - oder hätte ausgehen können. So gibt es in dem Text eine zeitliche Schlaufe, die ausgehend von der Tat Antigones - also die vom Staat verbotene Handlung zu vollziehen, indem sie sich unter Berufung auf „ungeschriebene Gesetze" der gegebenen Ordnung widersetzt - drei unterschiedliche Enden präsentiert, drei Möglichkeiten einer scheinbar alternativlosen Wirklichkeit.

Žižek sagt über sein Lehrstück, es verkörpere keinerlei literarische Ambitionen. Die Arbeitsweisen der AGORA - ausgehend von ihrer „autobiographischen Methode" - sind daher besonders geeignet, das Stück in einen lebendigen Produktionskontext einzubinden. Die Aneignung eines kanonischen, ja sakrosankten Textes der Weltliteratur zielt nicht primär auf virtuose Wiedergabe, sondern auf die aktuelle Kontextualisierung eines Stücks. Es geht jedoch nicht darum, Virtuosität durch Authentizität auszutauschen. Die Formsuche des AGORA Theaters verläuft parallel zur politischen und ethischen Frage, die das Lehrstück „Die drei Leben der Antigone stellt": Wenn es vermeintlich nur zwei Richtungen, zwei Möglichkeiten gibt: Wähle die Dritte!

 

Spiel: Galia De Backer, Karen Bentfeld, Roger Hilgers, Line Lerho, Ania Michaelis, Ninon Perez, Daniela Scheuren, Anna Robic, Matthias Weiland, Nikita Zolotar

Musik: Wellington Barros

Szenografie: Céline Leuchter

Kostüm: Petra Kather

Regieassistenz: Mira Simon

Dramaturgie: Mona Becker, Christoph Sökler

Regie: Felix Ensslin

Künstlerische Leitung AGORA Theater: Kurt Pothen

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