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01.08.2017
Im Gespräch mit Felix Ensslin

Für „Animal Farm – Theater im Menschenpark!“, das am 14. September Premiere hat, arbeitet das Agora-Theater zum ersten Mal mit dem Regisseur und Dramaturgen Felix Ensslin zusammen, der das Stück mit dem Ensemble entwickelt und mit Daniela Scheuren die künstlerische Leitung übernommen hat. Ein Gespräch mit Sascha Wolters über Orwells Klassiker und dessen Bezug zum Agora-Theater.

Sascha Wolters hat Felix Ensslin vor über 20 Jahren bei einem denkwürdigen Dinner in einer bürgerlichen Wohnung bei einem gemeinsamen Freund in Paris kennengelernt, wo Sascha Wolters Philosophie studierte. Felix Ensslin hatte es seinerseits nach dem Philosophie Studium in New York in die Politik verschlagen, als Büroleiter der Grünen Fraktion im Deutschen Bundestag.

Auch Sascha Wolters hat sich dann erst mal handfesteren Dingen zugewandt: Als Booker und DJ für Berliner Clubs. Seit der Jahrtausendwende haben sich beide ihren Jugendlieben erneut zugewandt. Sascha Wolters als Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Host einer Radiosendung über neue Musik, Felix Ensslin als Regisseur, Kurator und Professor für Ästhetik an der Staatlichen Akademie für Freie Künste, Stuttgart.

Vor einigen Wochen haben sie sich an einem unwahrscheinlichen Ort wiedergetroffen: Auf der Probebühne des Agora-Theaters in St. Vith, Ostbelgien. Auf Einladung des GrenEcho befragt Sascha Wolters Felix Ensslin zum neuen Stück des Agora-Theaters, „Animal Farm: Theater im Menschenpark".

 

Felix Ensslin, wir sitzen hier im Triangel in St. Vith, in einer Pause der Proben zu dem neuen Stück des Agora Theaters „Animal Farm: Theater im Menschenpark". Sie haben einige Jahre nicht mehr am Theater gearbeitet, sondern sich als Kurator und Professor im Kunstbetrieb rumgetrieben. Was bringt Sie hierher?

Die Einladung, beim letzten Theaterfest hier in St. Vith einen Workshop zu geben, hat die überraschende Konsequenz der Zusammenarbeit nach sich gezogen. Gleichzeitig könnte ich mir einen passenderen Ort für meine Arbeit im Moment gar nicht vorstellen. Im letzten Jahr war ich sofort fasziniert von diesem Gebilde des Agora Theaters, von der komplexen Verbindung von Kultur und Politik, die sich in der Geschichte und Gegenwart des deutschsprachigen Theaters in Belgien widerspiegelt.

 

Das Projekt Animal Farm hatte bereits begonnen, als Sie dann dazugekommen sind.

Zunächst war ich als eine Art künstlerischer Berater zur Probenarbeit an der Animal Farm gefragt. Wir haben dann einen Neustart gewagt, indem wir darüber nachgedacht haben, dass wir als Darsteller der Animal Farm auch selbst mit dem Dargestellten etwas gemein haben. Nämlich dadurch, dass das Agora Theater wie viele kulturelle Gründungen aus den 80er Jahren - also in dem Jahrzehnt als klar war, dass die Revolution wird auf sich warten lassen -selbst auch eine egalitäre Gründungsgeschichte ist. Der Revolutionsverlust wurde durch konkrete Utopien im Kleinen ersetzt: Spieler bauen Bühnen, Techniker spielen Rollen, Verwaltungsangestellte und künstlerische Leitung verdienen nicht exorbitant unterschiedliche Gehälter: Alle machen alles. „Alles für alle" ist der Ausgangspunkt der Revolution, deren Verfallsgeschichte die Animal Farm nachzeichnet: „Alle sind gleich, aber einige sind gleicher." Dieser Satz trifft natürlich die soziale und politische Realität unserer Gegenwart. Aber er beschreibt auch die geschichtliche Entwicklung solcher konkreten Utopien wie zB. des Agora Theaters. Daher ein dramaturgischer Kerngedanke dieser Arbeit: Agora Theater, das ist selbst ein bisschen Animal Farm.

 

Sie haben also nicht einfach eine Bühnenfassung des Buches von Orwell in Angriff genommen?

Überhaupt nicht. Die Wirkungsgeschichte des Buches ist sehr mit dem Kalten Krieg verbunden. Das ist heute keine aktuelle Auseinandersetzung mehr, der Kalte Krieg ist längst gewonnen, wir haben wirklich andere Probleme.

 

Orwell hat nach der Wahl von Trump zum amerikanischen Präsidenten zu neuer, ungeahnter Popularität gefunden. Auf allen Verkaufsportalen schossen seine Bücher auf die ersten Plätze. Spiegelt das die Aktualität des Stoffes der Animal Farm?

Ja und Nein. Orwell hat keine Geschichte über die Hybris und Vergeblichkeit menschlicher Befreiungsversuche geschrieben, sondern einen allegorischen Kommentar zum Stalinismus. Er wollte den „democratic socialism" retten, indem er ihn vom Stalinismus abgrenzte, er wollte gerade aufzeigen, dass das ein vermeidbarer Irrweg ist. In der Hinsicht ist Orwell kein Tröster für schlotternde liberale Seelen, die nur noch mit Ironie über Befreiung reden können. Können wir Befreiung von Fremdbestimmung heute im Zeitalter von TINA - there is no alternative - überhaupt noch denken? Sind Ideen wie „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit", Ideen wie Solidarität für alle, nicht hoffnungslos veraltet? Daher geben wir TINA eine Geschwisterchen: TIM - Theater im Menschenpark.

 

Peter Sloterdijks Rede „Regeln für den Menschenpark" auf die Ihr Titel ja anspielt, hat 1999 eine hitzige Debatte ausgelöst. Wie ist Ihr Bezug dazu?

Die Katze in der Animal Farm wird meistens als Stellvertreterin der russischen Mafia während der Russischen Revolution gelesen, also für Leute, die sich immer gleich egoistisch verhalten, egal wie die Gesellschaft politisch organisiert ist. Ich habe mich zwei Dinge gefragt. Erstens: Ist die Katze wirklich so eindimensional oder stellt sie nicht vielmehr die wirklich schwierige Frage, wie jeder mit seiner Veranlagung und mit seinen Bedürfnissen einen Platz finden kann, wenn wir über grundlegende Veränderungen nachdenken? Und zweitens habe ich mich gefragt, wo gibt es eigentlich noch eine wirkliche Handlungsmacht, die unabhängig von der jeweiligen politischen Verfasstheit ihren eigenen Weg geht? Dabei bin ich bei der Wissenschaft gelandet. In der Figur der Katze haben wir dann beide Aspekte verbunden. Unter dem Begriff des „Menschenparks" hat Peter Sloterdeijk Überlegungen darüber angestellt, dass die politischen Konflikte der Zukunft weniger über den Widerspruch von Arbeit und Kapital definiert würden, sondern darüber, wer Zugang hat zu den sich entwickelnden Möglichkeiten genetischer Optimierung, wer die Mittel, die die Wissenschaft zunehmend zur Verfügung stellt, um den Menschen zu „verbessern" sich leisten kann, und wer nicht.

 

Ihre Katze ist also Wissenschaftlerin und will als solche die Revolutionäre der Animal Farm beerben?

Ja. Sie sieht sich selbst vielleicht als die wahre Revolutionärin, die keinen falschen Hoffnungen, die durch abstrakte Gedanken wie Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit etc. gestützt werden, hinterherläuft. Sie hält das für naiv, den Menschen allgemein befreien zu wollen, sondern sie will ihn überwinden. Das ist die Logik des „Menschenparks", d.h. der politisch unterfütterten Absicht mit wissenschaftlichen Mitteln den genetisch, biologisch, etc. optimierten „Übermenschen" herzustellen. Klar, dass das dann eine Frage des Marktes wird und sich das nicht jeder wird leisten können. In unserem Stück werden die anderen Figuren, die als Nachkommen der Tiere in der Animal Farm eingeführt werden, von der Katze in eine Maßnahme aufgenommen, um dieses Ziel zu verfolgen. Sie meint vielleicht wirklich, dass sie ihnen etwas Gutes tut, dass die alten Revolutionäre und sie selbst eigentlich die gleichen Ziele verfolgen. Das ist eine spannende Gegenüberstellung von vermeintlich überkommenen, ja altmodischen revolutionären Hoffnungen und nagelneuen Hoffnungen auf den genoptimierten „Neuen Menschen". Diese Setzung ist sicherlich das größte Wagnis unsere Arbeit. Meine Co-Regisseurin Daniela Scheuren, die früher selbst eine Agoraspielerin war, und jetzt für dieses Projekt zurückgekehrt ist, hat sich bereit erklärt, diese Schlüsselfigur zu spielen. Und mit ihr ist die Katze in den Händen einer großartigen Schauspielerin und wir haben vielleicht eine fighting chance, diese irre Geschichte auch wirklich „auf die Bühne" zu bringen.

 

Sie haben die Verbindung der Geschichte des Agora Theaters mit der Allegorie der Animal Farm erwähnt, wie greift ihr das konkret auf?

Schauspieler heißen in der Agora Spieler. Dass soll signalisieren, dass damit kein „Beruf" bezeichnet ist, kein ausgebildeter Zustand, der etwa durch ein Diplom einer Schauspielschule dokumentiert werden könnte, sondern eine Funktion innerhalb des Theaterprozesses. Das ist der konkrete egalitäre, ja utopische Impuls, von dem ich gesprochen habe. Diese Haltung war in den 80er Jahren weit verbreitet. Die Indy-Bewegung in der Musik, Punk, genossenschaftlich verwaltete Zeitungen wie die taz in Deutschland, alle solche Gründungen teilen diese Geschichte. Damit wurde aber auch eine Falle gestellt: Nämlich die Notwendigkeit, permanent „Authentizität" unter Beweis stellen zu müssen, zu belegen, dass man es „ernst" meint und „wirklich" daran glaubt. Im Theater aber gibt es immer die Differenz zwischen (Schau-)spieler und Figur. Diese Differenz zeigen wir im Stück immer wieder auf, d.h. dass die Spieler immer wieder ihre Situation als Mitglieder der Agora, als Spieler auf dem Theater, als Menschen mit einer konkreten künstlerischen, aber eben auch privaten Biografie aufgreifen - und ihre Geschichte miteinander. Und außerdem, indem wir den Namen des Theaters auch wörtlich lesen, d.h. historisch: Agora, das ist der Ort an dem sich seit der athenischen Demokratie der Wettstreit darüber, wie wir leben wollen, sollen oder wollen sollen ereignet. Dadurch wird diese selbstreferentielle Ebene ein Modus, der nicht etwas Nabelschau betreibt, sondern ganz im Gegenteil Themen anspricht, die jede Zuschauerin, die sich dazu entscheidet, sich unsere Arbeit anzuschauen, auch betrifft: Wer bin „ich" in der Gesellschaft? Wer oder was hat dieses „Ich" gemacht? Wie gehen wir miteinander um, wenn wir etwas Grundlegendes verändern wollen, zum Beispiel indem wir Gleichheit nicht nur formell, sondern konkret umzusetzen versuchen? Vertrauen wir auf die Gewinner des Kalten Krieges? Auf die Wissenschaft? Oder doch auf die alten Gespenster der Animal Farm, die leisen Rufe nach Befreiung des Menschen von der Knechtschaft der Fremdbestimmung?

 

 

Das Interview erschien im Grenz Echo am 31. Juli 2017. 

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