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29.09.2016
Im Gespräch mit Roland Schumacher, Leiter des Vertriebs

Alfred Velz und Marie-Josée Cremer

am Sonntag, den 19. Juni 2016, in Recht

 

A: Roland, du bist seit 1983 in der Agora, wenn ich nicht irre?

 

Roland: Genau genommen seit 1982, die Premiere meines ersten Theaterstücks mit Marcel Cremer fand zwar in 1983 statt, der Probenstart erfolgte aber bereits im Jahr zuvor.

 

A: Du bist somit der dienstälteste Agora-Spieler?

 

Roland: Zurzeit ja!

 

A: Dein erstes Stück war BAAL von Bertolt Brecht?

 

Roland: Ja.

 

A: Wenn ich richtig gezählt habe, hast du seitdem in 15 Produktionen als Spieler und in 2 Stücken im Bereich Technik mitgewirkt, oder anders ausgedrückt in 26 Stücken, wenn man die französischen, englischen und niederländischen Fassungen jeweils als Stück mitzählt.

 

Roland: Ich habe nicht nachgezählt. (lacht)

 

A: Hast du denn eine ungefähre Idee, wie oft du seit BAAL auf der Bühne gestanden hast?

 

Roland: ich schätze ungefähr 2600 Mal. Das müsste in etwa hinhauen.

 

A: Und wie viele Vorstellungen waren es bisher mit NEBENSACHE, bzw. BAGATELLE?

 

Roland: Im Laufe meiner nächsten Frankreich-Tournee vom 8. bis 18. Juli wird irgendwann die fünfhundertste sein.

 

A: Also nicht nur dienstältester Aktiver im Ensemble, sondern wahrscheinlich auch derjenige mit den meisten Aufführungen.

 

MJ: Wie bist Du zur Agora gekommen?

 

Roland: über das Schultheater: 1981, Marcel unterrichte zu diesem Zeitpunkt an der Bischöflichen Schule Sankt Vith und inszenierte zusammen mit zwei anderen Kollegen - Engelbert Cremer und Alfons Velz - ein rund anderthalbstündiges Bühnenprogramm mit Auszügen aus u. a. Dürrenmatts „Herkules und der Stall des Augias", Huxleys „Schöne neue Welt" und anderes mehr. Ich selbst habe als Spieler mitgewirkt und dabei ordentlich „Blut geleckt".

 

MJ: Du warst dort Schüler?

 

Roland: Ja, ich war Schüler und hatte im folgenden Jahr Abitur gemacht. Die Jubiläumsvorstellung wurde allerdings nur zweimal aufgeführt. Eindeutig zu wenig, um das Bühnenfieber langfristig beschwichtigen zu können. Auf der Suche nach Linderung bin ich zufällig auf die Kleinanzeige gestoßen, dass die Agora für ihre nächste Produktion, den BAAL, noch Spieler suche. Kurzentschlossen habe ich mich gemeldet.

 

A: Agora - damals noch „die Theaterwerkstatt Bühne des IneD".

 

MJ: Und dann, musstest du Dich vorstellen?

 

Roland: Ein wenig Bammel hatte ich schon, aber die Lust war glücklicherweise größer. Außerdem kannte ich Marcel ja bereits nicht nur von der Zusammenarbeit an diesem Schultheaterprojekt her. Ihn selbst und auch einige der übrigen Spieler hatte ich bei Schultheaterbesuchen auf der Bühne sehen können im Rahmen von Aufführungen der Lütticher Germanisten oder der Paludia.

 

MJ: Du hast auch ein Studium in Germanistik gemacht?

 

Roland: Genau, aber nicht wie Marcel in Lüttich sondern in Neu-Löwen.

 

MJ: Was war der Motor damals, Dich beruflich im Theaterbereich zu engagieren? Und ist das heute noch derselbe?

 

Roland: Ich muss bei deiner Frage etwas weiter ausholen. Als ich mit knapp 19 Jahren 1982 zur Gruppe hinzustieß gingen alle Mitwirkende, so auch Marcel, ihrer Leidenschaft fürs Theater nebenberuflich oder neben ihrem Studium nach. Der Gedanke, diese Leidenschaft je hauptberuflich auszuleben, erschien den Meisten vielleicht verlockend dann aber sicher auch in höchstem Maße utopisch. Ganz bestimmt bildeten die geteilte Begeisterung am gemeinsamen Spiel und Ausprobieren, die politische Auseinandersetzung mit künstlerischen Mitteln schon damals die wichtigsten Triebfedern des persönlichen Engagements. Die Bedeutung der gemeinsamen Feiern nach Proben, erfolgreichen Auftritten oder bei Festivalteilnahmen stand dem aber kaum nach. Das sicher zeitaufwändige Engagement war damals ein rein ehrenamtliches - was die Begeisterung jedoch nicht schmälerte - und dazu führte, dass ich im Dezember 1988 einen zweijährigen Zivildienst bei Agora antreten und mich damit erstmals vollzeitlich als Spieler in Vertrieb und Verwaltung einbringen konnte. Dem folgte ab Mitte Mai 1991 eine vollzeitliche Anstellung im Rahmen einer ABM. Weitere Angestellte gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. MJ: Auch nicht Marcel? Roland: Nein, Marcels Engagement schien nahezu grenzenlos. Nicht nur dass er für die Kunst und das Theater im Besonderen „brannte". Er verfügte gleichzeitig über die Fähigkeit andere in einem Maße zu motivieren, dass auch sie „brannten". Dennoch wurde es auch für ihn mit der Zeit immer schwieriger, seine beruflichen Verpflichtungen im Lehrerberuf mit den wachsenden künstlerischen Verpflichtungen und Plänen in Einklang zu bringen. Diese Schwierigkeit beantwortete er dadurch, dass er auf Kosten finanzieller Einbußen über Jahre sein Schulstundenkapital reduzierte bis er dann im September 1991 zum Sonderbeauftragten der DG im Bereich Theater/Theaterpädagogik ernannt wurde. Du fragtest nach der Motivation. Diese hat sich seit den frühen Achtzigern geändert. Die ersten Auslandsausfahrten, waren - wie im nicht-professionellen Bereich häufig der Fall - ganz besondere Highlights, bei denen der Auftritt an sich und der „festive" Aspekt desselben beide mit Ehrgeiz verfolgt wurden. So erinnere ich mich an Fahrten nach Wien oder Dänemark. Heute stehen eindeutig der Auftritt und die Begegnung mit dem Zuschauer im Vordergrund.

 

A: Stichwort „Gammeldansk". (Lachen)

 

MJ: Um das Gleichgewicht zu halten, vielleicht sagst du auch noch mal etwas zu den Inhalten. Wenn du sagst, damals waren es engagierte Produktionen, ist das politisch gedacht?

 

Roland: Ja, politisch engagiert, klar!

 

MJ: Regionalpolitisch oder auf welcher Ebene?

 

Roland: Es waren Produktionen, die in erster Linie regionalpolitisch zielten, auch war der Wirkungskreis noch nicht der, zu dem er mittlerweile geworden ist. Das Thema, zum Beispiel, in DIE ERMITTLUNG: Wie geht man mit der Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs um, welche Positionen haben unsere Väter, Großväter eingenommen? Welche Gräben haben sich auch in den verschiedensten Familien aufgetan? Die notwendige Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit war zum Zeitpunkt der Premiere in 1981, als in Ostbelgien Fragen zur kulturellen Standortbestimmung auftauchten, sicher regionalpolitisch von größerer Brisanz und Wichtigkeit als in anderen Landesteilen. Dieses politische Engagement hat mich stark angesprochen. Gleichzeitig auch, dass nicht nur Produktionen für Erwachsenen-Publikum erarbeitet wurden, sondern auch Stücke für Grundschulkinder, Jugendliche und später dann sogar Produktionen für Kindergartenklassen gleichberechtigt entwickelt wurden.

 

A: Womit du ja jetzt auch hauptsächlich beschäftigt bist in deinem Stück.

 

Roland: Ja, der direkte Austausch mit den Zuschauern, den Zuschau-Spielern liegt mir sehr am Herzen. Eine Spielweise, die mir sehr zusagt. Die es auch erleichtert, dass ein Stück nach nahezu fünfhundert Vorstellungen immer noch lebendig ist.

 

A: Wie kam es zu der Idee NEBENSACHE?

 

Roland: Kurz nach Marcels Tod, im Januar 2010, hatten wir ein Treffen angesetzt und wussten nicht: wie geht es jetzt weiter, welche Projekte haben wir? Wie können wir diese umsetzen? Wenige Monate zuvor, im September 2009, anlässlich der Eröffnung des Triangels haben regionale Milchbauern die Eröffnung des Triangels genutzt, um auf der improvisierten Bühne auf ihre Notstände aufmerksam zu machen. Sie hatten hier vor dem Triangel eine große Plane mit Strohballen umlegt und große Mengen Milch hineingekippt. Dieses Ereignis war mir bei unserem Treffen sehr präsent, zum anderen war da dieses Stück NEBENSACHE, das ich ca. 20 Jahre zuvor erstmals gesehen hatte. Es hat mich sehr angesprochen, ich denke, auch Marcel hat es sehr gemocht, wahrscheinlich hätte er es auch selber einmal inszeniert, wenn der Text von ihm selbst gewesen wäre (lacht...). Stattdessen hat er das Stück in verschiedenen Inszenierungsvarianten - mit Jakob Mendel, mit Gerhard Bruckner oder mit Peter Rinderknecht - immer wieder mal zum Festival nach Sankt Vith eingeladen. Ja, und ich dachte, das ist da, wo wir stehen, das ist ein Stück, an dem ich mich gerne versuchen würde. Ich habe daraufhin Kurt gefragt, ob er Lust habe, NEBENSACHE zu inszenieren.

 

A: Bist du nicht einsam so ganz alleine, ist ein Techniker dabei?

 

Roland: Ich bin im Grunde meist allein unterwegs, ja. Einen Techniker, falls erforderlich, stellt in der Regel das gastgebende Theater. Mittlerweile finde ich es sehr bereichernd, auch wenn die Tournee mitunter drei Wochen dauert. Der Vorteil ist, ich stehe weit mehr im Gespräch mit den Veranstaltern, mit den Leuten, zu denen ich fahre, bin irgendwo auch gezwungen, viel mehr in Kontakt mit den Menschen zu gehen. Und die Abende: gut, ich lege großen Wert darauf, dass - wenn nur möglich - eine gute Internet-Verbindung besteht, um trotz der Entfernung von zu Hause mit der Außenwelt und vor allem mit der Familie in Kontakt zu bleiben und zeitnah auf eingehende Anfragen antworten zu können.

 

A: Du sprachst von natürlichen Abnutzungserscheinungen von einem Stück oder von einer Zeit, in der ein Stück „ausgespielt" ist. Das scheint bei NEBENSACHE ja noch nicht der Fall zu sein. Fünf Jahre bist du schon damit unterwegs. Woran liegt das?

 

Roland: Ich will nicht ausschließen, dass auch für NEBENSACHE oder BAGATELLE der Tag, die Vorstellung kommt, wo ich den Eindruck haben werde, der Begegnung mit den Zuschau-spielern über die Auseinandersetzung mit dem Stück nichts Neues mehr geben oder auch abgewinnen zu können, oder wo der Wunsch mich anderen spielerischen Projekten zuzuwenden übermächtig wird. Allerdings bislang nicht. Ich führe das in erster Linie auf die besondere Spielsituation zurück, die in jeder Vorstellung aber auch in anschließenden Gesprächen stets zu wunderbaren Begegnungen führt. Nur selten spiele ich NEBENSACHE/BAGATELLE im Scheinwerferlicht eines Theatersaales. Meist wacht Cornelius in einer Schule, einer Ecke des Schulhofes, einer Turnhalle, einer alten Scheune, einem Dorfsaal oder auch schon mal unter Bäumen im Park oder Wald auf, jedoch stets in greifbarer Nähe zu den Zuschau-Spielern. Das gemeinsame Tun findet - und das begeistert mich immer wieder aufs Neue - auf der Grundlage eines offenen und achtsamen Umgangs miteinander statt. Obwohl der Zuschauer seinen Platz nicht verlassen muss, kann ich ihn, wenn er möchte, mit auf die „Bühne" nehmen. Da sind ganz viele, die mit ihrem Namen, ihren Vorschlägen und Anregungen zu direkten Protagonisten innerhalb der Geschichte werden. Im Anschluss an die Vorstellung biete ich den Zuschauern die Möglichkeit eines Austauschs, wobei sie die Möglichkeit erhalten, ihre Fragen zu stellen, Anmerkungen zu geben. Und wiewohl ich das Stück jetzt schon so oft gespielt habe, begegnen mir im Verlauf dieser Gespräche doch immer wieder neue Fragestellungen, Überlegungen. Zum Beispiel im Anschluss an eine Vorstellung auf dem Festival in Cournon-en-Auvergne hat ein Achtjähriger die Frage gestellt: „Weshalb ist denn der Bauernhof abgebrannt?" Diese Fragestellung ist mir sehr häufig begegnet, weshalb ich sie an die Zuschauer zurückgegeben habe mit der Bitte, mir ihre mögliche Antwort zu geben. Woraufhin eine Zwölfjährige nahezu philosophisch geantwortet hat: "Ich glaube der Bauernhof ist abgebrannt, damit der Bauer sich besser erneut auf den Weg machen kann." In Bourg-en-Bresse, in der Nähe von Lyon, kam, nachdem bereits alle anderen Zuschauer den Saal verlassen hatten, eine Frau auf mich zu. Während der Schulvorstellung hat sie - was mir aufgefallen war - den Blick stets vom Spielgeschehen abgewandt und auf die Schulkinder gerichtet. Mit Tränen in den Augen bedankte sie sich und eröffnete mir: „Bis vor wenigen Jahren habe ich selbst noch auf der Straße gelebt. Mein Mann lebt auch heute noch da und wird den Absprung wahrscheinlich nicht schaffen. Ich hab's selbst nur geschafft aufgrund der Kinder". Eine knappe Woche später, wieder im Anschluss an eine Schulvorstellung, sagte mir ein Grundschullehrer: "Ja, bis auf wenige Sätze war das die Geschichte meines Vaters. Der ist auch auf der Straße gestorben", dabei hielt er seiner ca. 6 Jahre alten Tochter die Ohren zu, weil sie um die wahre Geschichte ihres verstorbenen Großvaters nicht wusste.

 

A: Wenn Du nicht gerade unterwegs bist, machst Du ja auch noch etwas anderes in der Agora: Wie sieht der Tagesablauf eines Vertriebs- und Organisationsleiters aus?

 

Roland: Ich habe immer den Eindruck, von dem, was ich mir vorgenommen habe, wenn ich morgens ins Büro fahre, am Abend wenn's hoch kommt nur die Hälfte erledigt zu haben. Da gibt es ganz Vieles, was sich ganz kurzfristig dazwischen drängt und nach unmittelbarer Beantwortung verlangt. Zum Beispiel in der letzten Woche habe ich den größten Teil meiner Zeit damit verbracht, nicht Stücke an den Mann oder die Frau zu bringen, sondern Werbepartner für unser Theaterfest zu finden, das im Oktober stattfindet.

 

MJ: Welches ist dein Aufgabenbereich in der Verwaltung der Agora?

 

Roland: Mein Aufgabenbereich besteht schwerpunktmäßig darin, den Veranstaltern in Belgien und im Ausland als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen, ihnen unsere Angebote regelmäßig nahe zu bringen, bzw. sie auf dem Laufenden zu halten und unsere Stücke möglichst häufig zu für beide Seiten annehmbare Konditionen zu verkaufen. Da hat sich seit meiner Zivildiensttätigkeit im Grunde wenig verändert. Seit anderthalb Jahren haben wir halbzeitig eine zweite Person, Simone, eingestellt, die sich auch zu meiner Entlastung seither mit dem Vertrieb der Stücke auf dem deutschen Markt beschäftigt. Mittlerweile denke ich, ist es an der Zeit, die 60 bis 80 Stunden-Arbeitswoche nicht länger zur Regel zu erheben. Das ist schlussendlich nicht nur für das Unternehmen und den Vertrieb gut, sondern auch für mich und meine Familie. Schließlich gilt es nicht außer Acht zu lassen, dass die Verantwortung für den Vertrieb auch in einigen Jahren in andere Hände übergeben werden kann. Es handelt sich um einen Arbeitsbereich, in den man sich nicht in kürzester Zeit einarbeiten kann. Es hat sehr viel mit persönlichen Kontakten zu tun, die man nicht nur einmal aufbauen, sondern auch immer neu beleben muss.

 

A: Ein großes Netzwerk.

 

Roland: Ja, es ist ein sehr großes Netzwerk. Für Frankreich arbeiten wir seit 2005 mit einer Agentur zusammen, die uns einen Teil der Arbeit abnimmt. Nicht nur auf nationaler Ebene bewegen wir uns ja in einem Marktumfeld, das je nach Landesteil recht unterschiedlich strukturiert und organisiert ist. Dies trifft umso mehr auf internationaler Ebene zu. Sich in diesen unterschiedlichen Umfeldern, Netzwerken erfolgreich bewegen zu können ist ohne ausreichende Vorkenntnisse un Kontakte äußerst schwierig.

 

MJ: Das Ensemble ist größer geworden als vor 30 Jahren, es gibt viele freischaffende Mitarbeiter. Wie hast du die Dynamik innerhalb des Ensembles erlebt?

 

Roland: Die Entwicklung in den letzten 35 Jahren? Die Entwicklung vom Amateurtheater zum semi-professionellen und professionellen Theaterbetrieb war kein Prozess mit klar abgrenzbaren Schnittpunkten. Der Prozess war ein fließender, ging insbesondere einher mit der wachsenden Beachtung und Anerkennung der geleisteten Theaterarbeit auf nationaler und internationaler Ebene, wodurch die Aufführungszahlen stiegen, bis sie dann doch irgendwann auch an einer Obergrenze stagnierten, weil ein Mehr nebenberuflich in der Form auch nicht möglich gewesen wäre. Ich glaube, dass es insbesondere für jene schwierig war, die in ihrem nebenberuflichen Theaterengagement das rechte Maß an Einsatz fanden aber aus persönlichen oder familiären Gründen vor einem Schritt in Richtung Professionalisierung zurückschreckten. Vor diesem Hintergrund war die Entwicklung der IRGENDWO-Produktion ein nicht nur aus künstlerischer Sicht wichtiger Meilenstein in der AGORA-Geschichte, da dort alle ihre Begeisterung ausleben konnten. Sowohl diejenigen, die den Wunsch nach Professionalisierung mit allen Kräften verfolgten als auch die Kollegen, die das nicht hauptberuflich oder halbberuflich tun wollten, denen aber dennoch die Möglichkeit gegeben wurde, intensiv und gleichberechtigt an der künstlerischen Ausreifung der Arbeitsmethode und des Stückes teilzunehmen. Jetzt müsste man die befragen, die sich zu diesem Zeitpunkt zurückgezogen haben, wie sie es erlebt haben.

 

MJ: Alfred, wie hast Du es denn erlebt?

 

A: (Lachen) Genauso wie Roland es jetzt schildert. Da gab es irgendwann die Situation, den Zeitpunkt, wo die Anzahl der Produktionen deutlich gestiegen war, wo es Richtung Professionalisierung ging, und dann auch die Frage, entscheide ich mich halbtags noch arbeiten zu gehen und halbtags in die Agora einzusteigen, oder Fulltime oder gar nicht

 

MJ: Roland, 2009 hat Marcel Dir den Stab überreicht. Wie hast du diese Geste verstanden?

 

Roland: In erster Linie als Geste eines enormen Vertrauensbeweises und als enorme Herausforderung. Den damit einhergehenden Auftrag habe ich dahingehend verstanden, mit dafür Sorge zu tragen, dass die Agora, Marcels Lebenswerk, in seinem Sinne weiterlebt. Wobei mir klar war, ich sehe meine Aufgabe nicht in der künstlerischen Leitung, die in den Händen von Kurt Pothen sicher weitaus besser aufgehoben ist. Wir sind ein kleines Unternehmen, aber kein Kleinstunternehmen, in dem Sinne dass wir ein Zweipersonenbetrieb sind. Ich habe mich seit jeher neben der Aufgabe als Spieler auch im Vertrieb engagiert. Dabei handelt es sich um Aufgaben, die den Aufgabenstellungen in der künstlerischen Leitung nicht konträr entgegenstehen, aber gewissermaßen auch eine andere Sicht auf die Dinge verlangen. Der Vertriebsmensch muss eine Theaterproduktion nicht nur als künstlerisches Produkt verstehen und hinterfragen sondern auch hinsichtlich seines wirtschaftlichen Potentials einschätzen und bestmöglich vermarkten.

 

MJ: Der Stab von Marcel an Roland, das zeigt auch eine sehr vertrauensvolle Verbindung.

 

Roland: Die nahezu 3 Jahrzehnte, in denen wir miteinander gearbeitet, gefeiert, gelacht, gestritten, uns aneinander gerieben und gegenseitig herausgefordert haben waren naturgemäß reich an Höhen und Tiefen. Gleichzeitig und wohl auch deshalb gab es auch ein großes Wissen um die Stärken und Schwächen des jeweils anderen. Und bei all dem, was er sicher an mir zu bemängeln gehabt hat oder auch nicht, und ich wiederum an ihm, waren wir uns in der Sache meist oder größtenteils einig und wussten, dass es schwer gewesen wäre, ohne den anderen. Im Französischen gibt es eine schöne Redewendung, die da lautet: „Alleine kommt man rascher voran, zusammen kommt man weiter".

 

A: Es ist ein Thema aus meiner früheren Zeit, im Ensemble und insbesondere später im Verwaltungsrat. Da ist es nicht selten auch zu Konflikten gekommen, wenn es um künstlerische Ansprüche und Ideen ging, die dann schon mal an Grenzen der finanziellen und organisatorischen Machbarkeit stießen. Wie läuft das heute, im Kleinunternehmen AGORA?

 

Roland: (Lachen) Im Grunde läuft das nicht viel anders, außer dass die Verwaltungsratsmitglieder vielleicht in ihrer Funktion als Arbeitgeber mehr Verantwortung tragen, als vor etwa 20 Jahren. Glücklicherweise ist die Verantwortung heute auch gerechter aufgeteilt und ruht weitaus mehr auf den Schultern Vieler. Damals beschäftigte das Ensemble nicht wie heute 17 Angestellte (4 voll- und 13 halbzeitig), daher wirkten sich die zu treffenden Entscheidungen naturgemäß weniger direkt auf das finanzielle Auskommen vieler Einzelpersonen und Familien aus.

 

A: Wie ist das Verhältnis zwischen dem, was selbst erwirtschaftet und was jetzt staatlicherseits gefördert wird?

 

Roland: Seit es das Kulturdekret gibt und wir mehr Mittel erhalten, hat es sich prozentual verschoben, mittlerweile ist der Prozentsatz an Förderung aus gemeinschaftlichen Mitteln bedeutend höher als vor Einsetzung des Kulturdekrets.

 

A: Verstehe ich richtig, strukturell gesehen, gibt es eine Zeit vor und eine Zeit nach dem Kulturdekret, dass es eine gewisse Stabilität dadurch gibt?

 

Roland: Es gibt eine gewisse Planungssicherheit, die aber auf 5 Jahre zeitlich befristet ist und dann neu evaluiert werden muss. Vorher wusstest wir nicht: mit welchen Zuwendungen können wir im kommenden Jahr rechnen, wird eine prozentuale Kürzung angewendet oder nicht? Ohne diese relative Planungssicherheit, mit wieviel finanzieller Unterstützung öffentlicherseits zu rechnen ist, wäre es sehr schwierig. Wir sind ein Betrieb, der mit Produkten auf den Markt kommt, von denen niemand mit Sicherheit sagen kann, dass sie gelingen werden und selbst wenn sie gelungen sind, dass sie viele Käufer/ Abnehmer finden werden. Wir begeben uns in der Produktion immer wieder auch auf Forschungsreise, unbekanntes Terrain, wo bedeutende Mittel und Energien in die Forschung investiert werden. Ob sich diese Forschungsarbeit dann schlussendlich sowohl künstlerisch als auch auf der Einnahmenseite auszahlt, muss der Markt erst zeigen, weil wir unseren Auftrag nicht dahingehend verstehen marktkonforme Stücke zu entwerfen. Es kann durchaus sein, dass wir auch mal daneben liegen.

 

MJ: Die Agora macht politisches Theater, das heißt, nicht nur bequemes Theater. In dem Sinne können Stücke auch vom Inhalt her nicht so willkommen sein bei den Zuschauern, oder?

 

Roland: Klar, das kann sein. Die Veranstalterkreise sind in der Regel untereinander sehr stark vernetzt, was sich im Falle positiver Resonanz sehr günstig, im umgekehrten Fall als ebenso schwierig erweisen kann. So kann es zum Beispiel leicht geschehen, dass auf Grund einer einzelnen weniger guten Vorstellung sich diese Information wie ein Lauffeuer verbreitet. Ich erinnere mich an die Aufführungen von DER MANN DER DIE BAUME PFLANZTE in Huy. Einer unserer regelmäßigsten Veranstaltungspartner in Charleroi hatte die Vorstellung verpasst, oder besser gesagt ist nicht hingegangen, weil ein ihm befreundetes Mitglied der Festivaljury mitgeteilt hatte: „Da brauchst Du nicht hingehen, die waren nicht fertig, nur die Techniker waren vor Ort; die Schauspieler aber kommen erst morgen." Wir hätten uns nie vorstellen können, dass ein erwachsener Theatergänger diese Rahmenhandlung, in der die Zuschauer von den Stücktechnikern anstelle der Schauspieler empfangen wurden, für bare Münze nehmen könnte.

 

A: Wahnsinn!

 

Roland: Jahre später hat der Veranstalter etwas beschämt eingestanden, dass er seither nie wieder einfach nur dem Urteil eines Kollegen folge.

 

MJ: Was bedeutet für Dich die Heimat Ostbelgien?

 

Roland: Da fällt mir eine eindeutige Antwort schwer. Zum einen habe ich nie außerhalb der belgischen Eifel gelebt, bin selbst in meinen Studienjahren nie länger als 2 Monate von diesem Flecken Erde weg geblieben und gleichzeitig beruflich seit Jahrzehnten sehr häufig mehr im In- und Ausland auf Reisen als zu Hause gewesen. Hier liegen ganz eindeutig meine kulturellen Wurzeln, ist mir der Großteil der Menschen begegnet, die mich in meinem Werden bislang geprägt haben. Zum anderen würde mich - sollte ich längere Zeit nicht von hier fortkommen - mit Sicherheit schon bald ein großes Verlangen nach Luftveränderung ergreifen. Ich kann mir durchaus vorstellen in mittelbarer Zeit auch außerhalb der DG zu leben vor allem, wenn meine Frau, die beruflich standortgebunden ist, dadurch Entlastung erfahren würde.

 

MJ: Was wäre so Deine Vision, Dein Traum? Du und die Agora, oder ohne die Agora?

 

Roland: Ein Wunsch, der hat sich schon erfüllt. Mein jüngster Sohn, Kolja findet großen Gefallen daran, in der nächsten Jungen Agora- Produktion, die im November zur Premiere kommen wird, mitzuwirken.

 

 

 

Roland Schumacher wurde am 25. Februar 1963 in Nidrum geboren. Er studierte Germanistik in Neu-Löwen. 1983 stand er erstmals mit der Produktion „BAAL von Brecht mit auf der Bühne. Nach der Leistung des Zivildienstes in der Agora erfolgte ab Mai 1991 die Anstellung. Auf Verwaltungsebene ist er verantwortlich für die Leitung des Vertriebs und seit 1991 Mitglied des Verwaltungsrates. Roland ist stolzer Vater von Luca, 21 Jahre, und Kolja, 15 Jahre. Mit seiner Frau Steffi und Kolja lebt er in Recht.

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