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17.02.2016
Rede von Karl-Heinz Lambertz, Parlamentspräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens anlässlich des 60. Geburtstags von Marcel Cremer, dem Gründer des AGORA-Theaters der Deutschsprachigen Gemeinschaft
4. Juni 2015

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde der Agora,

 

ich habe mich sehr gefreut, als ich gebeten wurde, hier anlässlich des 60. Geburtstags von Marcel Cremer etwas zu sagen und das, obschon ich kein Weggefährte und schon gar nicht ein Schauspieler bin - zumindest nicht in demselben Genre. Dennoch haben sich die Wege von Marcel und mir nach einer gewissen organisierten Zufälligkeit im Laufe der Jahrzehnte immer wieder gekreuzt.

 

Vor diesem Hintergrund möchte ich vorwegschicken, dass Marcel Cremer der Deutschsprachigen Gemeinschaft unwahrscheinlich viel gebracht hat, denn er gehörte zu den ganz wenigen Leuten in Ostbelgien, die frühzeitig erkannt haben, worum es bei der Autonomie eigentlich geht. Ich habe mich immer sehr gerne mit ihm darüber unterhalten. Dazu gab es zahlreiche Gelegenheiten, schließlich habe ich als jemand, der auf den Tag genau drei Jahre älter ist als Marcel, an derselben Schule Abitur gemacht. Zudem stammen wir beide aus kleinen Eifeldörfern mit ihren schönen und manchmal auch weniger schönen Seiten des Zusammenlebens. Da kommt man schnell zusammen, wenn man gewisse Ideen hat und etwas bewegen will. Eine meiner frühesten Erfahrungen mit Marcel machte ich auf der Bischöflichen Schule in St. Vith. Man kann sich üblicherweise nur schwer an jene Mitschüler erinnern, die drei Jahre jünger waren. Im Fall von Marcel war das anders, weil ich damals als Chefredakteur der Schülerzeitung öfter mit ihm zusammenarbeitete. Er schrieb regelmäßig Artikel, die bei weitem nicht jedem gefielen; aber ich habe sie immer sehr geschätzt. Als er dann zur Universität ging, wo ich ja auch schon drei Jahre vorher war, sahen wir uns seltener, weil er in Lüttich und ich in Löwen studierte. Wenn wir uns trafen, ging es meistens eher feucht fröhlich zu. Wirklich oft in Kontakt gekommen sind wir ab dem Moment, wo er mit AGORA anfing. Das war etwas, was die Menschen in Ostbelgien nicht erwartet hatten, schon gar nicht in den Eifeldörfern. „Wat soll dat? Wir haben doch schon genügend Dorftheater", klang es da. Aus diesem Grund hat er oft angeeckt und sich verteidigen müssen. Aber gerade das machte ihn besonders sympathisch. Er hatte eine klare Einstellung zu der Kulturarbeit, die er betrieb. Seine Einstellung hat mich bereits damals in den Achtziger Jahren überzeugt. Das galt sowohl für meine Zeit als Mitglied des RDK bzw. später des RDG als auch für meine Regierungsarbeit ab 1990. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Gespräche dann auch häufiger, obschon ich nie Kulturminister war. Dennoch habe ich im Rahmen meiner Ministertätigkeiten regelmäßig mit ihm über AGORA diskutiert und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Da gibt es ein Paar Dinge, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. So zum Beispiel der Wanderzirkus, den die AGORA miterlebt hat, bevor ihre definitive Ansiedelung feststand. Sie hat übrigens lange das Schicksal der Materialausleihe im Süden der DG geteilt. Zudem waren Marcel und ich ganz entschiedene Verfechter eines Kulturzentrums hier in St. Vith, wo die AGORA einen besonderen Stammplatz haben sollte. Das hat sehr lange gedauert. Ich bin sehr froh, dass Marcel noch persönlich die Eröffnung des Triangels erlebt hat. Natürlich genügt es nicht, etwas hin zu bauen und zu meinen, dass damit alle Probleme gelöst seien. Seine Vorstellung von der Integration der AGORA in dieses Zentrum lässt sich nicht konfliktfrei umsetzen - weder zu seiner Zeit noch danach. Von den diesbezüglichen Spannungen wird niemand die jetzigen Verantwortlichen befreien können. Aber wenn man mit dem, was läuft, nicht einverstanden ist, muss man eben kämpfen. Das hat unterm Strich immer etwas mit Macht zu tun.

 

AGORA hat die beachtliche Leistung vollbracht, seinen Platz als überregionaler - ja international bedeutender - Produzent von Kulturtheater in Ostbelgien zu erstreiten und zu behaupten. Zum Erreichen dieses Zieles haben passende Gebäude stets eine wichtige Rolle gespielt. Entsprechend sprach ich mit Marcel viel über Infrastrukturfragen. Mindestens genauso wichtig waren jedoch die Gespräche über Menschen und darüber, wie man ein ehrenamtliches Theater schrittweise professionalisieren kann, indem man es unter anderem schafft, möglichst viele begabte Leute mit möglichst wenig Geld anzustellen. In diesem Punkt waren wir uns nicht immer einig. Ich dachte, wir machten von Seiten der DG schon sehr viele Anstrengungen, und er dachte - was objektiv betrachtet aus seiner Sicht sicherlich richtig war - dass es zu wenig sei. Dank vieler Klimmzüge über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und die Einbindung in verschiedene ESF-Projekte haben wir die Situation schrittweise verbessern können. Diese Entwicklung ist vor nicht allzu langer Zeit dank des Kulturdekretes in etwas ruhigere Gewässer geraten. AGORA ist ganz entscheidend dem langen Atem von Marcel Cremer zu verdanken.

 

Bei diesen Gesprächen zur Zukunft der AGORA und des ostbelgischen Theaters waren wir sehr oft einer Meinung - wenn auch nicht immer in allen Details. Daneben haben wir auch oft über die Autonomie der DG und den Platz der Deutschsprachigen in Belgien, im Grenzland, und auf jeden Fall auch in Europa gesprochen. Dazu war unser Geburtstag natürlich auch ein bisschen prädestiniert. Man muss nämlich wissen, dass heute vor genau 184 Jahre der belgische Nationalkongress den damals in England lebenden deutschen Prinzen Leopold von Sachsen Coburg und Gotha zum ersten König der Belgier ernannte. Das finde ich besonders interessant, da unsere Verbindung zum Königshaus eines der markantesten Zeugnisse für das Zugehörigkeitsgefühl der DG'ler zu Belgien ist und der König gleichzeitig - genau wie wir - Wurzeln in der deutschen Kultur hat. Diese beiden Aspekte sind zudem fundamentale Bestandteile von Marcels Werk: die parallele Zugehörigkeit zum deutschen sowie zum belgischen Kulturraum, die insbesondere durch die sprachliche Gestaltung der AGORA-Produktionen zum Ausdruck kommt.
Noch ein historisches Ereignis mit Bezug zur DG hat am 4. Juni stattgefunden und zwar vor 95 Jahren. 1920 wurde einer der sechs Pariser Vorortverträge unterzeichnet, zu denen auch der Versailler Vertrag gehört, auf dessen Grundlage die Ostkantone von Deutschland an Belgien gingen. Es handelt sich um den Vertrag von Trianon, dessen Problematik heute europaweit noch viel spürbarer ist, als das bei dem uns betreffenden Versailler Vertrag der Fall ist. Hier wurden nämlich Grenzen im Osten und Südosten Europas neu gezogen, die teils bis heute großes Konfliktpotenzial behalten haben.

 

Die Parallelen zwischen diesen Daten und unserem gemeinsamen Geburtstag ist natürlich rein zufällig aber ich finde es immer interessant, zu gegebenem Anlass etwas hinein zu interpretieren.

 

Bei den eben genannten „Grenzproblemen" spielt das Thema der Identität eine zentrale Rolle. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Wirken von Marcel Cremer. Sein Verständnis von Identität kann nicht ohne seine Einstellung zur Autonomie unserer Gemeinschaft begriffen werden. Mit beiden Themen hat er sich in seinem Leben ständig auseinandergesetzt. In seinem Streben, die Autonomie mit Leben zu erfüllen, hat er als Instrument das Theater gefunden. Ich bin nicht so weit gekommen und bei der Politik hängen geblieben - aber zwischen beiden gibt es mehr Parallelen, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Denn wann immer man von Identität spricht - auch wenn es sich wie in unserem Fall um jene einer kleinen sprachlichen Minderheit handelt - stehen die Menschen in ihrer einzigartigen Individualität im Mittelpunkt. Da ist Marcels Konzept vom autobiografischen Theater etwas ganz Interessantes. Dieses Konzept wurde uns heute in einem mit einem hervorragenden Vorwort versehenen Buch nochmal neu zugänglich gemacht. Dort erläutert er anschaulich, worum es bei dieser Ausdrucksform geht. Es geht um Orte und Begegnungen und darum, mit welchen Menschen wir uns an welchen Orten treffen. Benjamin Israeli hat mal gesagt: „Lese keine Geschichten, lese nur Biografien, denn das ist das System ohne Theorie. Und manchmal braucht es zum Leben halb so viel Theorie". Diese Suche nach der Identität und dieses Ausdrücken dessen, was man als seine eigene Identität versteht, hat natürlich bei jemandem, der wie Marcel Cremer so vielseitige künstlerische Ergüsse geschafft hat, eine ganz besondere Dimension. Für ihn war es das Theater, „das in Wirklichkeit Leben meint". Das hat ihn geprägt und das hat er hervorragend verwirklicht. Wenngleich die Auseinandersetzung mit Zeitzeugen und deren Ausdruck im Rahmen einer Autobiographie immer eine interessante Sache ist, schafft „das Verpacken" von Lebenserfahrungen in einem Theaterstück darüber hinaus ein faszinierendes Medium.

 

Je crois que ce que Marcel Cremer a vraiment apporté à notre région, c'est une façon de concevoir son identité dans toute sa richesse et sa contradiction. L'identité est un sujet extraordinairement intéressant pour tout le monde - certainement pour les hommes politiques et pour les artistes. En effet, il y a pas mal de personnes pour qui le thème de l'identité est tellement compliqué qu'ils ont besoin d'un psychiatre pendant toute leur vie pour s'y retrouver. Mais l'identité collective est encore tout à fait autre chose. On peut souvent mieux l'exprimer par des créations artistiques que par une réflexion théorique. En tout cas, pour Marcel, une identité régionale était nécessairement composée de deux dimensions. La première dimension est l'ancrage régional. Marcel Cremer était fondamentalement ancré dans sa région avec toutes ses contradictions, ses chances et ses difficultés - plus particulièrement encore dans cette partie du sud de la Communauté germanophone qu'on appelle l'Eifel : un ensemble de communes très rurales et - avec 45 habitants par km² - très peu peuplées. Mais malgré cet ancrage, Marcel a choisi de vivre à Cologne tout en travaillant partiellement ici. C'était fascinant de parler avec lui des raisons de ce choix à première vue étrange. La raison principale était liée à la deuxième dimension de l'identité telle qu'il la percevait : un refus de se replier sur soi-même. IL s'agit là en effet d'un des deux grands dangers de l'identité - l'autre étant la définition d'autrui comme ennemi. Tout en assumant ce qui le différenciait par rapport à l'autre, il concevait sa vie comme une ouverture vers d'autres horizons culturels et particulièrement l'horizon culturel francophone. Dans ce contexte, il a créé des œuvres extraordinaires. En effet, de nombreuses pièces d'AGORA issues de sa plume étaient conçues dans les deux langues. Pour cette raison, je suis content de voir qu'une pièce de notre théâtre de la Communauté germanophone sera interprétée par un groupe canadien en français tout à l'heure.

 

L'ancrage régional et l'ouverture sur le monde - ce sont les deux dimensions essentielles qui se retrouvent dans toute la vie professionnelle de Marcel. Et il était capable d'en témoigner d'une façon vraiment intéressante et enthousiasmante sans utiliser des formules creuses. Personnellement, j'ai beaucoup apprécié les moyens que Marcel a choisis pour exprimer de manière très convaincante ces éléments constitutifs de l'identité.

 

Ich möchte Sie nicht länger von der kanadischen Ausgabe des Theaterstücks abhalten und zum Schluss meiner Rede kommen. Heute konnten wir in der hiesigen Zeitung lesen, dass Marcel am Ende seines Lebens in seinen Tagebüchern die Befürchtung formuliert hat, dass sich sein Wirken „in die Nichtigkeit verlieren" könnte. Ich finde diese Wortwahl sehr treffend und freue mich gleichzeitig darüber, dass genau das keineswegs geschehen ist. Es ist durchaus nicht selbstverständlich, eine Theatergruppe, die so von einer Person geprägt war wie AGORA, auch nach dem Tode des Gründers fortzuführen. Denn hierbei gilt es gleichzeitig, dessen Geist zu bewahren und sich auf die Zukunft auszurichten, ohne ein Revival der Vergangenheit zu zelebrieren. Das ist keine leichte Aufgabe - weder organisatorisch noch inhaltlich und künstlerisch. Dieser Spagat ist überaus gut gelungen. Das ist für die DG von größter Bedeutung und in meinen Augen zudem das schönste Geschenk, das man einem Jubilar zum Geburtstag machen kann, wenn er nicht mehr lebt: Sein Wirken fortzusetzen, damit es weiter gedeihen und blühen kann.

 

Dabei ist gerade die Öffnung nach außen sehr wichtig. Daher bin ich froh, dass die AGORA sehr oft mit einbezogen werden kann, wenn es darum geht, unsere Region nach außen zu vertreten. So nahm ich kürzlich als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen an einer Sitzung der Taskforce Kultur teil, die zu diesem Zeitpunkt im niederösterreichisch-tschechisch-slowakischen Grenzraum mit über 50 Kulturträgern aus ganz Europa zusammen kam. Dort wurde von einer Initiative des Landes Niederösterreich berichtet: dem Theaterfest „Grenzenlos". Hier wurde die Frage nach möglichen Kontakten nach Belgien aufgeworfen. Da ist natürlich sofort der Name AGORA gefallen. Daher bin ich froh, dass die ersten Dokumente zu dieser Initiative nun angekommen sind. Vielleicht ergibt sich da wieder ein neues Puzzlestück in dem sehr dichten Netzwerk, das die AGORA unterhält und das - wie man bereits an den heute Anwesenden sehen kann - überall in Europa Früchte getragen hat. Auch das wäre voll im Sinne von Marcel gewesen, über den heute etwas zu sagen mir sehr viel Freude bereitet hat.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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