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04.03.2010
Die Gründer sind tot, lang lebe das Gründen

Marcel Cremer gründete 1980 das Agora-Theater. Zwar ging die Initiative von ihm aus, dennoch verstanden er und seine Mitgründer die Gruppe als Kollektiv. Wie viele andere Menschen in jener Zeit, verstanden sich Marcel und seine Mitstreiterinnen in der Kontinuität der egalitären und autoritätskritischen Impulse, die „1968“ - was immer genau dieses Chiffre bezeichnen mochte - den Wunsch nach einer kollektiv gestalteten, anderen Welt, realisierbar erscheinen ließen. Doch zum Zeitpunkt der Gründung des Agora-Theaters hatten sich diese Wünsche bereits zu Schattengewächsen gewandelt, während die Sonne der Individualisierung und der marktorientierten Liberalisierung immer stärker strahlte. Der berühmte Ausspruch Margret Thatchers: „There is no alternative“ wurde zur neuen, vermeintlich realitätsorientierten Maxime jener Zeit, und, da diese Haltung seither ihre Gültigkeit nie wirklich verlor, auch unserer Zeit.

 

Diese Staatsraison der Alternativlosigkeit hat in der Gegenwart paradoxerweise nicht nur die „Alternative für Deutschland“ und ähnliche Gruppierungen in unterschiedlichen Ländern aufs Parket gerufen, sondern zu einer Art Mimikry des Aktionismus geführt. So können wir heute Bewegungen erleben, wie etwa die „Identitären“ in Frankreich, Österreich und Deutschland, die mit den Mitteln z.B. der Intervention, des Teach-In oder des Happening, nicht nur Aufmerksamkeit erregen wollen und erregen, sondern durch die Verwendung dieser Mittel gleichzeitig den Versuch starten, sich die Geschichte der Linken und die Praktiken linker Aktionen als Ort und Organ des Protestes und der Aufklärung anzueignen. So aufgegriffen, wendet sich die Motivation, eine „andere Welt“ zu schaffen, ins Gegenteil des ursprünglich Erstrebten.

 

Hannah Arendt versteht Freiheit als einen Begriff, der nur dann verstanden werden kann, wenn man ihn vor dem Hintergrund gemeinschaftlichen – andere würden sagen: kollektiven – Handelns versteht. Gemeinschaftlich heißt dabei nicht: Identisch. Sondern im Gegenteil, weil die Handlungen Verschiedenster an einem Ort zusammentreffen, eröffnet sich dort, durch die gesteigerte Unvorhersehbarkeit der Konsequenzen, ein Ort der Freiheit. An diesem kann eine unentschiedene Zukunft gestaltet werden, durchaus in einem ästhetischen, also von vornherein unentschiedenen Sinne. Diesen Ort nennt sie, mit Rückgriff auf die Geschichte der griechischen Stadtdemokratien „Agora“. Im Gegensatz dazu setzte die in den 80er Jahren ihren Siegeszug beginnende Orientierung „geistig moralischer Wenden“ das seine eigenen „Gewinnabsichten“ maximierende Individuum auf den Thron der Handlungsmacht.  Stichworte wie ‚Modernisierung’, ‚Dritter Weg’, ‚Risikogesellschaft’ etc. dienen seither als Wegmarken gesellschaftlicher Notwendigkeit – unter Ausschluss jeglicher Vorstellung echter Alternativen und wirklicher Differenz.

 

Der Ruf nach der Verantwortung des Einzelnen einerseits, und die konsequent durchgeführte Delegitimierung kollektiver Organisationsformen wie beispielsweise Gewerkschaften und selbstverwalteter, egalitär orientierter Theater und anderer soziokultureller Gründungen, ersetzte die Utopien und Hoffnungen, die selbst noch im Moment ihres Verlustes die Kraft entfalteten, Gründungen wie die Galafronie oder das Agora-Theater zu inspirieren. Gleichzeitig waren diese Art Gründungen Versuchsanordnungen  - sicher ohne Bewusstsein oder gar Absicht der Gründer – in der sich das neue, heute ‚neoliberal’ genannte Arbeits- und Individualitätskonzept erprobte, das der post-fordistische, sich nach dem Mauerfall 1989 zunehmend globalisierende Kapitalismus, brauchte. Selbstinitiiert, flexibel, die Grenzen der Spezialisierung, also der Arbeitsteilung, überwindend, die Befriedigung im Prozess erlebend und nicht von einem wie auch immer gearteten Resultat abhängig zu sein: so übten die selbstverwalteten Gründungen der 80er Jahre im soziokulturellen Bereich die neuen Arbeitssubjektivitäten ein, die der ‚symbolproduzierende’, ‚postindustrielle’, auf ‚immaterieller Arbeit’ beruhende Kapitalismus brauchte.

 

Agora und Galafronie sind zwei dieser hybriden Kunst- und Politikmonster. Zwei der Übungsplätze einer zunehmenden Individualisierung einerseits, und einer Aufrechterhaltung utopischer und protestförmiger Potentiale andererseits. Die zunehmend im Wettbewerb und in Ausschreibungen um Drittmittel zu organisierende zentrale künstlerische Arbeit, die unsere Gruppen im Kern definiert, blieb als Hort des Narratives künstlerischer Freiheit innerhalb eines Systems erhalten, das diese Gruppierungen – also uns – dafür bezahlte,  eine Art notwendiges Übel zu sein. Notwendig, weil selbst „TINA“ – ‚there is no alternative’ ein Narrativ ist, und daher vermittelt werden muss, und sei es im Modus der Kritik. Ein Übel, weil niemand, vor allem keiner, der an der Macht ist, noch an ein Theater als „moralische Anstalt“ glaubt. Also an das Theater als eine Art Veränderungskatalysator in einer äußerst dürftigen, der Veränderung bedürftigen Welt.

 

2009 ist Marcel gestorben. Sein Tod fiel in eine Zeit, in der die Politik letztlich bereits beschlossen hatte, die inzwischen renommierte Gruppierung Agora-Theater auf Dauer zu stellen. Dieses Danaergeschenk – und dessen war sich Marcel in seinen letzten Jahren und Monaten sehr bewusst – diente natürlich auch dazu, durch Subventionierungen, Strukturförderungen und Salärs Bestandteil der Staatsraison zu werden. Die Institutionalisierung des AGORA Theaters lebte von der Legitimität, die Marcel Cremer geschaffen hatte; aber dadurch, dass er genau zu dem Zeitpunkt starb, als diese Institutionalisierung und die damit verbundene Förderung begannen, konnte dem Theater diese Legitimität zumindest vorerst auch nach dem Ableben des Gründers nicht entzogen werden. Vielen ähnlichen Gruppen und soziokulturellen Gründungen der 80er und späterer Jahre wäre es nach dem Tod des Gründers so ergangen, wie es heute Galafronie ergeht: Die Politik begründet die Kürzungen in der Förderung damit, dass diese ja an Können und Charisma der bzw. des Gründers gebunden gewesen sei.

 

In den ersten Jahren nach 2009 war es innerhalb der Agora ein kollektiver Wunsch, das Erbe, die Errungenschaften, das von Marcel mit uns Geschaffene zu bewahren und weiterzuführen. Das hat auch sehr gut funktioniert. Die Krisen kamen erst, als nach einigen Jahren der erfolgreich verteidigten Strukturförderung, einige kluge und offen sprechende Menschen von innerhalb und außerhalb der Agora, die Fragen zu stellen begannen, ob es nicht eher um die Realisierung des Erreichbaren gehen sollte, als um die Bestätigung des Erreichten. Ob es möglicherweise nicht darum gehen sollte, den Buchstaben einer Form, einer Methode, weiter zu geben, sondern den Geist einer Gründung, einer Geschichte.

 

Das erste Stück der AGORA 1981 war „Die Ermittlung“ von Peter Weiß. Dieses Stück wurde von Marcel Cremer nicht zufällig gewählt, sondern sollte in der deutschsprachigen Region Belgiens einen Mangel spürbar machen: Nämlich den Mangel einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte, also den Verstrickungen von Individuen und Institutionen in den Nationalsozialismus – jenseits der wohlfeilen Vorstellung, der deutschsprachige Teil Belgiens und seine Bewohner gehöre ja schließlich zu den ersten Opfern des Nationalsozialismus.


Wenn nun der Gründer stirbt, wenn die Gründer in Pension gehen, wenn Neue dazukommen oder schon früher Dazugekommene weitermachen wollen, dann stellt sich oft - und oft ausschließlich - die Frage nach der Treue zum Gründungsakt, nach der Kontinuität. Paradoxerweise kann man vielleicht mit den Worten eines der jüngeren Stück des Agora-Theaters sagen: „Verrat ist Treue und darum Pflicht“. Was heißt das?


Nun, der Gründer der Agora, sicher auch die Gründer der Galafronie, wie auch viele weitere Initiatoren anderer Kollektive im Bereich soziokultureller Arbeit, haben aus einem entgegengesetzten Impuls heraus begonnen. Mit ihrer Arbeit angefangen. Nämlich, um Veränderung zu ermöglichen oder herbeizuführen, um die geltenden Ideologien zu dekonstruieren, um das Bestehende in Frage zu stellen. Von diesem Standpunkt aus kann jeder Versuch einer Kontinuität, die sich auf Errungenschaften, Methoden und Erreichtes bezieht, selbst als Verrat verstanden werden. Die Gründer selbst  und auch kein Anderer konnten im Moment des Anfangs wissen, wohin ihre Handlungen führen würden. Die Konsequenzen ihres Handelns - sei es in der Welt, in ihrem Selbstverständnis oder im eigenen Lebensverlauf – waren unabsehbar.


Vielleicht also geht es bei der Frage nach Kontinuität jeweils um die Frage nach der passenden, heute notwendigen Form der Neugründung. Also darum, nochmals und immer wieder die Risiken und Unvorhersehbarkeiten auf sich zu nehmen, die im Moment des Anfangens sich am Horizont verschleiert und als unerkennbar abzeichnen? Vielleicht geht es darum, zu begreifen, dass es - wie damals – auch im Hier und Jetzt darum geht, jene Mängel zu zeigen, die uns buchstäblich angehen, unsere Zeit heimsuchen, wie einst der Geist des Vaters Hamlet heimsuchte? Diese Heimsuchung verlangt nur eines: Den Mut zu handeln. Etwas anzufangen, ohne wissen zu können, wo es endet. Es geht, immer wieder, immer neu, um eins: um Anfänge.

 

Kurt Pothen (Künstlerischer Leiter), Felix Ensslin (Regisseur, Autor, Dramaturg) und Ania Michaelis (Regisseurin, Autorin)

04.03.2010


Neue Aufteilung der Leitungsfunktionen

Im März 2014 hat das Forum der AGORA einstimmig beschlossen, Kurt Pothen die künstlerische Leitung der AGORA anzuvertrauen. Roger Hilgers und Alexandra Schumacher werden vom Verwaltungsrat mit der Geschäftsleitung beauftragt.
Alexandra übernimmt die Bereiche Finanzen und Personal; Roger ist für die Bereiche Agenda, Netzwerk und Kommunikation verantwortlich.




 
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